Schmuddelig reloaded
Wenn zwei Sonnen miteinander kollidieren und verschmelzen, kann aus diesem kosmischen Mißgeschick doch Großes entstehen - etwa ein neuer Stern am Universum der gehobenen Unterhaltung. Und ein neuer Stern braucht auch einen klangvollen Namen, einen Namen, der unmittelbar und eindringlich klarmacht: mentale Versenkung, tiefe Botschaften, moralische Nabelschauen, innere Betroffenheit und geistige Kasteiung sind "Fräulein Schmidt" etwa so fern wie Batman das Balletttutu.
"Fräulein Schmidt" sind Sandra von Holn und Ilka Hein, jede für sich ein eigener Mikrokosmos, mit zwar gleichem Hang zum Schöngesang (man hat es ja mal irgendwann studiert), doch sonst so unterschiedlich wie Schwarz und Weiß, Salz und Pfeffer, Wum und Wendelin. Beide eint das Bestreben, an ihrer fatalen Bühnenfreundschaft größtmöglichen Spaß zu haben und dabei ahnungslose Unbeteiligte, die sich zufällig ins Programm verirrt haben, nach Kräften mit dramatischen oder schmuddeligen, sowie dramatisch-schmuddeligen Liedern und Geschichten aus höchsteigenem Erleben zu frappieren.
Die eine blond, die andere dunkel, setzen beide ihre schier engelhaften Stimmen ein um - gern auch mal brachialer Komik - den letzten Schliff zu geben.
Dabei schlüpft man in Alter Egos wie das Hausfrauenmedium aus dem Para-TV, demonstriert die neuste Navi-Generation mit Interaktionsmodus, zeigt, warum verblichene Ehemänner als Ring am Finger mehr Sinn machen als in der Urne, erklärt, wie der Schwedenurlaub an deutschen Mittouristen scheitern kann, spürt der lauten Einsamkeit nach, läuft im Stechschritt über den Catwalk und skandiert klangschöne, lästerliche, biographische, subtile, herzzerreißende, zarte, gemeine und sinnfreie Lieder zum Lachen und zum Weinen über Topmodels, schwule Friseure und nützliche Körperpflegemittel, über den silbernen Oktobermond, Hollywoodstarnasen und über die große, traulich-kuschlige Schmuddeligkeit, die das Leben erst so richtig schön macht.
"Fräulein Schmidt" erspart dem Publikum weder die hocherotische Wurzelbehandlung, noch das Heimatlied im echten Naturdarm, weder den Schunkel-Shanty, noch die Clubnacht mit Entscheidungsfindungsproblemen zwischen Technobeat und Elektrotwist, weder die Nutella-Orgie, die die innere Mitte wieder finden lässt, noch das Abschiedslied, das man doch irgendwo schon mal gehört hat.
"Fräulein Schmidt" ist sich nicht zu schade für ästhetische Entgleisungen und präsentiert absolut schmerzfrei einen wortwitzigstimmfulminanten Abend, am Klavier hochmusikalisch unterstützt von Tastenzauberer Sebastian Undisz.

